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Aufruf zum Lesekreis

„Traditionelle und kritische Theorie“

(Max Horkheimer)

Was ist die Kritische Theorie? Es scheint eine nicht ganz leicht zu beantwortende Frage zu sein, wenn selbst Leo Löwenthal (Mitbegründer der Kritischen Theorie) auch 1970 (fast 40 Jahre nach Gründung) sich nicht im Stande fühlt, eine kurze Antwort zu formulieren und daher dieser Frage lieber so entgegnet: „Sie sei ein von interessierten Sekundärliteraten und einschlägig Verlagspolitik fabrizierter Mythos, dem keine eine einheitliche philologische Realität entspreche.“

Oft dient die Kritische Theorie, ob im Einverständnis der universitären Lehre oder in diversen Polit-Zusammenhängen rekuperiert, nur noch als bloße Zitateonkel. Wieso sollte man sich diesen Ramsch auch antun? Mühsames auseinanderfriemeln verschachtelter Sätze, die man im heutigen Sprachgebrauch als altertümlich empfindet und auch nicht mehr im Stande ist zu verstehen. Und wie auch, sollte man nebst solchen Plackereien wie Lohnarbeit und dem Polit-Plenum Zeit für solche Dinge finden? Schlussendlich hat sich für die glücklichen Studierenden eines Bachelorstudienganges ohnehin die Frage als obsolet erwiesen, denn die meisten derer werden den Text nicht einmal bis zu dieser Stelle lesen. Die Zeit verflüssigt sich. Wer „Glück“ hat, darf heute noch zwischen der Vorlesung zur Populären Kultur und Pädagogik vereinzelte Worte der Kritischen Theorie lauschen, jedoch auch nur die Zitate, die nicht zu „radikal“ sind. Nicht zu „marxistisch“ und nicht zu „kritisch“. So wird die Schrift Adornos zur Kulturindustrie in einem Block abgetan. Freilich muss man vorausschicken, dass er die Marxschen Kategorien einer Kritik der politischen Ökonomie verwendete und es eben mit dem staatskapitalistischen Unwesen einer DDR gleichsetzt. Daraus kennzeichnet sich also eine überholte „Theorie“ ab.

Wir wollen jedoch probieren die Kritische Theorie in einen anderen Zusammenhang zu setzen. Aus der Kritischen Theorie (KT) leitet sich nämlich kein System von Regeln oder eine Sammlung von Fakten ab, die, einmal erfasst und auswendig gelernt, eine wohlfeile Erklärung für alles und jedes abgeben. Sie ist keine Denkschule mit einem festen Bestand an Lehrmeinungen wie andere philosophische Strömungen geworden, wie der Kritiker Wolfgang Pohrt schon feststellte: „Noch irreführender ist es, von einer Frankfurter Schule zu sprechen, denn die genannten Autoren haben […] nie eine Schule begründet […], weil sich ihre Texte nicht zur Verschulung eignen. Sie sind nicht doktrinär, dogmatisch, schematisch und simpel genug, sie lassen sich auf keine Lehrsätze, Merksätze, Axiome, oder methodologische Regeln reduzieren, es gibt […] keine leeren Begriffe, die man wie leere Säcke inhaltlich füllen muss, kein kategoriales Gerippe, das beliebig einzukleiden wäre, und dadurch entfallen alle die Hilfsdienste, durch deren Ableistung einer zum Schüler wird.“ (Wolfgang Pohrt, Der Staatsfeind auf dem Lehrstuhl, 1984) Unser Anliegen ist es, sich dem kritischen Denken zu stellen. Einen eigenen kritischen Gedanken zu produzieren und nicht das Auswendiggelernte (das mit stillschweigender Zustimmung abgenickte) nachzuplappern. Sich zu äußern, in Form einer destruktiven Kritik, die in aller Härte trifft. Das Selbst-Denken erweist sich aber erst in der Kraft zum Widerstand gegen vorgegebene Meinungen und – in eins damit – auch gegen vorgegebene Institutionen, überhaupt gegen alles bloß Gesetzte, das sich mit seinem bloßen Dasein rechtfertigt. Solcher Widerstand, als Vermögen der Unterscheidung des Erkannten und des unter Autoritätszwang hingenommenen, ist eins mit Kritik. Mündigkeit verlangt die Freiheit zu solcher Kritik.

Zur Lektüre

Max Horkheimer hielt im Januar 1931 anlässlich seines Amtsantritts als Institutsdirektor (des IfS) eine programmatische Rede über „Die gegenwärtige Lage der Sozialphilosophie und die Aufgaben eines Instituts für Sozialforschung“. Dort kommt er zum Schluss, dass das Zentrum der Philosophie nicht mehr das Individuum (bis Kant) in den Fokus rücke, sondern die Völker und Staaten den Platz eingenommen haben. Kant bemühte sich darum, dass Individuum in seiner Rolle in der Welt zu vergegenständlichen und zwar auf der Basis der eigenständigen und verantwortlichen Nutzung seines Verstandesvermögens Versprechungen zu seiner Autonomie und seinem künftigen Glück. Doch dieses Versprechen wurde im Fortschreiten der bürgerlichen Gesellschaft für die meisten Menschen zur leeren Phrase. 1937 veröffentlichte Max Horkheimer seinen Aufsatz: „Traditionelle und kritische Philosophie“. Hier wird der Begriff erstmals systematisch ausgeführt – allerdings als kleingeschriebene kritische Theorie, die nach Horkheimer mit Marx beginnt und in den Absichten des IFS nur ihre aktuelle Form findet. Michael Schwandt schreibt in seinem Einführungsbuch zur KT: „Es lohnt, diesem Text und seiner Argumentation ausführlich zu folgen, da in ihm viel von dem angelegt ist, was Kritische Theorie charakterisiert.“
Unter Theorie werde in der bürgerlichen Gesellschaft seitdem, so Horkheimer, verstanden, dass aus möglichst wenigen, knappen Leitsätzen, die möglichst evident und unbezweifelbar gefasst sein müssen, schrittweise ein möglichst umfassendes System von Regeln, Klassifikationen und Hierarchien abgeleitet werden müsse. Er bringt den Sachverhalt brilliant auf den Punkt. „Theorie ist das aufgestapelte Wissen in einer Form, die es zur möglichst eingehenden Kennzeichnung von Tatsachen brauchbar macht.“ Die wichtigsten Forderungen an eine solche Theorie seien daher Positivität, Widerspruchsfreiheit und Einstimmigkeit, so Horkheimer. Bezeichnend auch, wie er die sämtliche universitäre Lehre verbal attackiert. Es werde nur von der arbeitsteiligen, isolierten Auseinandersetzung des einzelnen Forschers mit seinem Thema ausgegangen, die Verflochtenheit der Wissenschaft als Institution mit der Gesellschaft dabei aber gänzlich ignoriert. Und so erscheine Gesellschaft in der traditionellen Theorie immer nur als ein „[…] Inbegriff von Faktizitäten, sie ist da und muss hingenommen werden“.
Die Welt, in der die Menschen existieren, so lautet der Einwand Horkheimers, sei aber keine natürliche oder von Gott geschaffene, die man einfach als gegeben hinzunehmen habe. Sie sei vielmehr durch und durch historisch, durch menschliche Praxis geformt und gestaltet.

Das Gegenmodell, das Horkheimer vorschwebt, ist natürlich nicht das einer beliebigen Vermengung von persönlichen Meinungsäußerungen des Theoretikers mit seinen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Die Selbstreflexion der auf Gesellschaft bezogenen Theorie muss eine andere Gestalt haben, und zwar muss sie über die der Wissenschaft von der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung gesetzten Grenzen herausstreben.

„Es gibt nun ein menschliches Verhalten das die Gesellschaft selbst zum Gegenstand hat. Es richtet sich nicht bloß auf die Abstellung irgendwelcher Mißstände, diese erscheinen ihm vielmehr mit der ganzen Einrichtung des Gesellschaftsbaus verknüpft. […] Die Kategorien des Besseren, Nützlichen, Zweckmäßigen, Produktiven, Wertvollen, wie sie in dieser Ordnung gelten, sind ihm vielmehr selbst verdächtig, und keineswegs außerwissenschaftliche Voraussetzungen, mit denen es nichts zu schaffen hat.“ (Horkheimer, Traditionelle und kritische Theorie, 1937)

Dieses Verhalten nennt er das kritische, und hiervon beziehe die kritische Theorie in Abgrenzung zur traditionellen ihren Begriff.

Einladung zum Lesekreis

Wir möchten Euch einladen, ob Studierende oder Nicht-Studierende, angefangen mit dem Aufsatz „Traditionelle und kritische Theorie“ eine Auseinandersetzung mit der Kritischen Theorie zu suchen. Der Lesekreis findet im zweiwöchigen Turnus statt. Ausgewählte und vereinbarte Textpassagen sollten im Vorfeld gelesen und vorbereitet werden und im Anschluss, diskutiert werden. Vorkenntnisse sind nicht von Belangen. Wir suchen außerdem Interessierte, die regelmäßig bei den Veranstaltungen erscheinen und eine gewisse Verbindlichkeiten erkennen. Das Ganze ist natürlich kostenlos! Die passenden Textpassagen werden auf unserer Internetseite www.lesekreis.blogsport.de zum Download zur Verfügung gestellt.

Die erste Sitzung findet am 18.05.2011 um 18.00 Uhr im Philocafé der Universität des Saarlandes statt. Eine Wegbeschreibung befindet sich auf der Rückseite.

Bis dahin sollte man bis zum ersten Abschnitt auf Seite 10 im unten verlinkten Dokument gelesen haben, welche wir in der ersten Sitzung nochmals lesen und besprechen wollen.

Hier kann der Text downgeloadet werden. Außerdem findet man HIER weitere interessante Links, die thematischen Bezug haben.